Was Kritik sei

Zum Selbstverständnis kritischen Denkens
In Verhältnissen, in denen noch nicht einmal Hunger ein Grund zur Produktion ist, ist kein Gedanke es wert gedacht zu werden, der nicht in sich selbst ein einziges entfaltetes Existentialurteil über die ganz falsche Gesellschaft ist. Die hier geäußerten Gedanken beanspruchen dies für sich, ohne jedoch von sich zu behaupten, nicht schon von jemand anderem gedacht worden oder besonders originell zu sein. Sie sind ein Einspruch gegen das uns auferlegte Leben, das wir zu führen gezwungen sind. Wir hatten nicht zu entscheiden, ob wir es führen wollen, aber wir haben zu entscheiden, ob wir es weiter zu führen bereit sind. Der Verantwortung, diese Entscheidung zu treffen, kann sich niemand entziehen, sie kann aber auch nur von Einzelnen getroffen werden. Weil der Begriff der Masse nur ein Ausdruck dafür ist, dass die Vereinzelten diese Entscheidung nicht zu treffen gewillt sind, gibt es kein Zielobjekt als Masse, an das wir unsere Gedanken richten wollten – außer die Einzelnen selbst. Die hier geäußerten Gedanken, sollen – wo möglich – diese Entscheidung provozieren, sie sollen uns selbst die Möglichkeit geben, unsere eigene Ohnmacht und Lethargie zu überwinden und sie sollen ein Manifest der Solidarität mit denjenigen sein, denen der allgemeine Wahnsinn eine noch größere, existentiellere Bedrohung für Leib und Leben ist, als dies der Normalfall sowieso schon ist. Diese kleine Zeitschrift versteht sich als Versuch, einen Beitrag dazu zu leisten, dass eines Tages alle Menschen verschieden sein können, ohne Angst haben zu müssen. Sie versteht sich als ein Bergungsunternehmen längst verloren geglaubter Gedanken, sofern diese geeignet sein könnten, in ihrer Verwirklichung doch noch die Vernunft wahr zu machen. Auch versteht sie sich als ein Versuch, eingedenk der verpassten Chancen ein Gedächtnis zu entwickeln, das die Voraussetzung dazu wäre, die Frage danach, ob diese Chancen tatsächlich ein für allemal verpasst sind, aufs Neue zu stellen. Denn nur wenn das gelingt, besteht noch Hoffnung, dass die Menschheit nicht ihren eigenen Untergang besiegelt.
(aus Pólemos # 01 (PDF) )

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