Die Sehnsucht nach dem Weltsouverän

Dass auf diese Weise das Schlimmste immer wahrscheinlicher wird, ist auch schon das einzige, was Ideologiekritik eigentlich über die Zukunft sagen kann. Sie macht im Übrigen keine Prognosen, nimmt nur systematisch dieses Schlimmste an, je konkreter, desto besser — und weiß sich gerade darin der Erinnerung verpflichtet, so fordert es der kategorische Imperativ nach Auschwitz. Nur muss die Erinnerung manchmal verschlungene Wege gehen: Franklin D. Roosevelt war noch in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre von deutscher Seite durchaus als ein „vom Gedanken der Volksgemeinschaft“ beseelter Souverän betrachtet worden. Der Völkische Beobachter zeigte sich geradezu hingerissen von den Amerikanern und dem neuen Mann an ihrer Spitze „mit ungewöhnlichen Führergaben und Führergewalt“: von „einer Volksströmung“ zum „neuen Führer“ gekürt, habe Roosevelt mit den „überholten Idolen“ der amerikanischen Politik „endgültig gebrochen“ (40); und Hitler gratulierte ihm persönlich, sozusagen von Führer zu Führer, im März 1934 zu einem Jahr erfolgreicher Arbeit bei der Beseitigung der Weltfinanzkrise. (41) Man hegte eben gewisse Hoffnungen, dass nun auch in den USA eine andere Politik gegenüber den Juden zum Tragen kommen könnte; das wahre gute bodenständige Amerika der Farmer des mittleren Westens und das Amerika Charles Lindberghs, der offen mit den Nazis sympathisierte, sich gegen die „jüdisch versippte Hochfinanz“ der Ostküste durchsetzen werden. Allerdings nannte man das damals eine andere „Rassenpolitik“, was man heute als „antirassistische“ Politik von den USA erhofft, wobei man eher auf die Linke an der Ostküste setzen kann; und favorisierte man einst die isolationistischen Strömungen in den USA, die den deutschen Vorstellungen einer neuen Großraumpolitik entgegenkamen, möchte man jetzt Multilateralismus in ihren Beziehungen zu den anderen Mächten verwirklicht sehen. Die „jüdisch versippte Hochfinanz“ wird nunmehr als „IsraelLobby“ identifiziert — das entspricht genau der Logik des modernisierten antisemitischen Wahns, der Israel als Jude unter den Staaten verfolgt, aber so neu gar nicht ist. Schon Alfred Rosenberg folgte ihr: die Weltherrschaft des „jüdischen Messianismus“, die sich „in der Herrschaft der Weltbanken nahezu verwirklicht“ habe, sah er erst vervollständigt „in der Schaffung eines jüdischen Zentrums in Jerusalem“ (42).

Die Zukunft des wirklich existierenden jüdischen Zentrums, das sich gegenüber diesem Vernichtungswahn verteidigen muss, wird sich darin entscheiden, wie die USA und der Westen auf seine militärischen Aktionen reagieren werden — während die Shoah trotz des Kriegseintritts der USA und der Westfront möglich wurde, weil die Juden sich nicht verteidigen konnten.

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