Programm der Konferenz

Programm der Konferenz
„Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“

Samstag, 28. Februar 2009, 10:00 Uhr
Ort: Kinosaal der Humboldt-Universität Berlin, Unter den Linden 6
Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 8 Euro

10:00 Uhr
Podium 1: Ideologiekritik und Praxis

Philipp Lenhard: Apokalypse als Chance

Noch bevor das Wort „Krise“ die Runde macht, stehen die Propheten und Heilsverkünder in den Startlöchern, um den Massen das Evangelium der Erlösung zu verkünden. Während die Regierung ihrem Staatsvolk behutsam einzubläuen versucht, dass nun eine Zeit des Verzichts anbricht, um die man nun einmal nicht herumkomme, sind andere schon einen Schritt weiter: Selbst ernannte Sozialrevolutionäre schwören ihre Schäfchen auf die unaufhaltsam nahende Apokalypse ein, in der die verhasste bürgerliche Gesellschaft untergehen werde. Dem kollektiven Wahn, der sich aus der Panik des nachbürgerlichen Subjekts speist, ist nicht mit gutem Zureden und trostspendendem Handauflegen zu begegnen, sondern mit rücksichtsloser Ideologiekritik, welche die Bedingungen der Möglichkeit des Kommunismus gegen seine antikapitalistischen Propagandisten verteidigt.

Manfred Dahlmann: Krise und Ideologiekritik

Die Feststellung, dass auch Theorie eine Praxis sei, ist eine Phrase, mit der linke Kopfarbeiter sich denjenigen anbiedern wollen, die zur körperlichen Arbeit verdammt sind. Ernst kann es jenen mit dieser ‚Erkenntnis’ nicht sein: denn dann hätten sie ihrer Lieblingsbeschäftigung zu entsagen, ständig neue Theorien zu produzieren und die darin von ihnen konzipierte, also von ihrer Theorie getrennte Praxis von allen anderen erst noch einzuklagen.

Tatsächlich ist jede Theorie Praxis – so, wie jede Praxis eine Theorie in sich trägt, die in dieser Gesellschaft Ausbeutung und Herrschaft perpetuiert. Zwischen Theorie und Praxis zu unterscheiden, ist nur nominal, also theoretisch möglich – real existiert diese Differenz nicht: Sie ist notwendig falsches Bewusstsein.

Ideologiekritik hat auch in der manifest werdenden Krise der Versuchung zu widerstehen, einer ‚falschen’ Praxis die ‚richtige’ Theorie gegenüber zu stellen. Nur wo sie sich dieser Zumutung verweigert, agiert sie in realer Differenz zur herrschenden Theorie-Praxis-Identität, das heißt: Nur so existiert sie überhaupt.

13:00 Uhr

Podium 2: Komplizen der Katastrophe

Sören Pünjer: Der Verrat der Intellektuellen

Es waren die Ereignisse der Jahre 1914–1919, die dem Intellektuellen als öffentlicher Figur erst jenen Nimbus des Predigers für eine bessere Welt eintrugen, den er noch bis in die 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts genoss, heute aber längst nicht mehr besitzt. Vor 1914 relativ gut situiert und vor diesem Hintergrund zur Kritik an autokratischen Erscheinungen des eigenen Landes in der Lage, wandelte er sich nach der Phase der Kriegsbegeisterung in einen vom Vaterland enttäuschten Skeptiker, der, weil kaum mehr nachgefragt, sich seine neue Rolle als Propagandist der Rettung des krisengeschüttelten Volkes vor den Zumutungen der bourgeoisen Herrschaft suchte. Je mehr sich der Intellektuelle zu den Massen hingezogen fühlte und den damals populären, vorgeblich dem Fortschritt verpflichteten Geschichtsdeterminismus als Werkzeug eigener Zurichtung benutzte, verriet er seine relative Autonomie und damit die Voraussetzung der Kritik. Man warf sich der Komintern und ihrer führenden Partei im gelobten Land der Werktätigen nicht trotz, sondern wegen deren vermeintlicher Nähe zum einfachen Volk an den Hals. Die seit der Romantik virulente Anziehungskraft des Antiintellektualismus auf den Intellektuellen rief in klassenkämpferischen Zeiten den geschulten Berufsrevolutionär als Vermittler auf den Plan. Leute wie Willi Münzenberg, der Chefpropagandist der Komintern und Chef eines komintern-eigenen Verlagsimperiums, das auch in schweren Zeiten Honorare zahlte, vermochten „bürgerlichen“ Schriftstellern das „dialektische Tam Tam“ (Arthur Koestler) nahe zu bringen, dem zufolge die Vernunft und der Wille der Massen, vermittelt durch die Partei Lenins, nahezu identisch seien. Der 1935 in Paris abgehaltene Kongress der Schriftsteller war nur einer der Höhepunkte freiwilliger Instrumentalisierung, die man zu dieser Zeit per Komintern-Beschluss zur Abwechslung Volksfront nannte. Für die Berufsrevolutionäre war es ein Leichtes, die Intellektuellen in ihrer Anmaßung, die einzig wahren Verteidiger der Kultur zu sein, zu bestätigen, solange diese ihnen nach dem Munde redeten und ihre Verbrechen mindestens schön färbten.

Sartre oblag es später, dem Intellektuellen seinen „Platz im Volk“ zuzuweisen und damit den Restbestand für dessen einst noch hoch gehaltene Verantwortung für das eigene veröffentlichte Wort auch gegen die übergroße Mehrheit im Lande zu kassieren. Mit diesem existentialistisch aufgeladenen, also der reinen Willkür überantworteten „Wahrheitsbegriff“ wurde jener zynische Typus des Experten für Zivilisationskritik zur Vollendung gebracht, der im heutigen Meinungsbetrieb deshalb fast konkurrenzlos als Intellektueller firmiert, weil er seine Rolle in der Krise zur allgemeinen Zufriedenheit spielt.

Jan Gerber: Die Rückkehr zur Linken?

Die Zumutungen, die heute in der Jungen Welt stehen oder beim alljährlichen LLL-Geisterzug, bzw. bei einem Vereinstreffen der einschlägigen Linksparteien geboten werden, sind von Anfang an, seit sich Robespierre und Co. in der französischen Nationalversammlung auf der linken Seite des Kammerpräsidenten niederließen, im Konzept der Linken angelegt. Warum sich Ideologiekritik trotzdem immer wieder mit der Linken befassen muss, warum das eigentümliche Schwanken zwischen Abschied und Bezugnahme nicht den Launen eines Zentralkomitees geschuldet ist, das es nicht gibt, warum der regelmäßige Bruch mit der Linken bei gleichzeitiger Beschäftigung mit ihr also kein Widerspruch ist, sondern weiterhin in der Natur der antideutschen Sache liegt, hat zwei Gründe: 1. Die in einer Geschichte des unendlichen intellektuellen wie praktischen Verrats zur abscheulichen Floskel verkommene Idee der Befreiung des Menschengeschlechts wird weiterhin von den linken Bankrotteuren okkupiert. Insofern ist die Beschäftigung mit der Linken die dauernde Bemühung, jene, die aus Naivität und gutem aber unüberlegtem Willen in ihre Fänge geraten sind, daraus zu befreien. 2. Nicht vor der radikalen Linken ist zu warnen, sondern vor ihren neuesten Vorschlägen. So wenig die einzelnen Ideologen und Möchtegern-Barrikadenkämpfer in ihrer Mehrheit ins Establishment aufsteigen werden, so sehr dankt das Establishment ihnen in immer kürzerer zeitlicher Distanz für ihre revolutionären Vorschläge durch deren Überführung in handlungsleitende Ideologie.

15:00 Uhr

Podium 3: Kultur versus Gesellschaft – Das Elend des Antirassismus

Alex Gruber: Zur Ontologie der Differenz – Über die Unmöglichkeit poststrukturalistischer Gesellschaftskritik

Die Propagandisten des postmodernen Bedürfnisses, die behaupten, die in der gesellschaftlichen Formation sich angeblich ausdrückenden Strukturen erfassen zu können, machen die Logik der Unterdrückung unmittelbar in der Logik, die sie pauschal dem Übel zuschlagen, selbst aus. Die begrifflichen Allgemeinheiten, unter die eine Vielzahl von Einzeldingen subsumiert werden, werden verstanden als mit sich selbst identische herrschaftliche Diskurse, die die „differance“ (Derrida) verdrängen, um ihren totalen Sieg davonzutragen. Demgegenüber gelte es dieser Differenz an sich selbst, die keinen Bezug auf Einheit mehr kenne, zu ihrem Recht zu verhelfen, also das „Prinzip der Vielheit“ (Deleuze/Guattari) durchzusetzen. Solcherart ist weder ein kritischer Begriff von gesellschaftlicher Totalität noch von Subjektivität zu denken; vielmehr betreibt so argumentierender Antirassismus die Auflösung von Gesellschaft in ein Konglomerat von Kulturen.

Clemens Nachtmann: Die Seele des Menschen und der Sozialismus (Arbeitstitel)

Kurzankündigung des Referates folgt in einigen Tagen.

18:00 Uhr

Podium 4: Autoritäre Ermächtigung im Zeichen der Krise

Gerhard Scheit: Die Sehnsucht nach dem Weltsouverän

Wenn Marx sagt, der Weltmarkt sei das „Übergreifen der bürgerlichen Gesellschaft über den Staat“, so nennt er damit auch das Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft, das eine Weltgesellschaft ohne Souverän im Auge hat – und seine Erkenntnis, dass „keine Art Bankgesetzgebung (…) die Krise beseitigen“ könne, ist nur der negative Ausdruck dieses Versprechens. Der Wahn hingegen, der das Glücksversprechen dementiert, verspricht das Übergreifen des Staats über den Weltmarkt.

Man sehnt sich also nach dem Weltsouverän und freut sich auf den Ausnahmezustand, der ihn bringen soll: Auf der einen Seite wird dieser Überstaat weltweit die Banken und Börsen sorgsam beaufsichtigen, so dass sie nicht mehr der Gier der „internationalen Managerklasse“ (Joachim Hirsch) ausgeliefert sind und verrückt spielen; auf der anderen Seite den Djihad regulieren – sei’ s durch Dialog oder Sanktionen –, damit die Mullahs nicht verrückt spielen und über die Stränge des Nahen Ostens hauen, statt Tariq Ramadan zu folgen.

Das vielberufene Charisma, das Barack Obama im Kampf um die Präsidentschaft der USA erwarb, ist ohne diese Sehnsucht nicht zu erklären: Möge doch dieser Präsident von innen her die gewaltsame Politik des Hegemons, der die anderen Staaten so einseitig dominiert, auf wundersame Weise in die friedliche Kommunikation einer gerechten „Weltinnenpolitik“ (Jürgen Habermas) verwandeln. Die Reaktionen auf den Gaza-Krieg wurden dann schon durch die Hoffnungen belebt, die man auf Obama setzt. Wie auch immer sie enttäuscht werden: Israel verkörpert die Weltverschwörung des Judentums. Deshalb gezwungen, seine Souveränität ständig unter Beweis zu stellen, legt die Politik dieses Staates in Wahrheit stets aufs Neue dar, dass es keinen Weltsouverän gibt, ja, dass jeder Versuch, ihn zu realisieren, gegen die Juden gerichtet ist: Er nimmt ihrem Staat die Souveränität, die sie im Ernstfall allein schützt.

Uli Krug: Apparatur der Panik – Zum Funktionswandel der Krise

Für die westliche, hochbürgerliche Gesellschaft, die der Marxschen Kritik Pate gestanden hatte, konnte noch gelten, was Wolfgang Pohrt prägnant formulierte: Die Krise als Einspruch der Vernunft – als Einspruch gegen ihre Bannung in das vernunftlose Ganze kapitaler Verwertung. Instanz dieses Einspruches war ein Subjekt, das an Freiheit hing und fest davon überzeugt war, dass ihre Verwirklichung bereits in diesem Ganzen beschlossen sei.

Die Deutschen – als Prototyp der spät- und nachbürgerlichen Verfassung der Subjekte – hingegen glaubten das nie: Sie fürchteten die Freiheit und nutzten die Krise, um eine gesellschaftliche Ideologie und bald auch Apparatur zu bauen, die auf blanke und vernunftverlassene Panik setzt. Diese Panik ist es, die aus der Krise im 20. Jahrhundert nicht Revolution machte, sondern im deutschen Fall: Katastrophe. Katastrophe, indem die Krise dem bismarkisch-sozialdemokratischen Staat der vermeintlichen Krisenprävention seine radikalfaschistische Konsequenz entlockt: den autoritären, nationalsozialistischen Staat der wahnwitzigen Krisenelimination. Die Rackets seines bürokratischen Naturzustandes aber hatte bereits der korporatistisch-soziale Komplex des Vorgängers (und auch Nachfolgers) geformt.

Dahinter gibt es kein Zurück: Krise ist hier immer Krise der permanenten Krisenabwehr, weshalb das „Krisenbewusstsein“, von dem Linke gern träumen, nur zum Wunsch nach autoritärer Ermächtigung führt, dem Durchgreifen ohne Samthandschuhe, zum nationalsozialistischen Wiederholungszwang.

Justus Wertmüller: Was vom Westen bleibt

Der Fluch der im Entstehen begriffenen bürgerlichen Gesellschaften waren jene „Tribunen“, die sich auf die römische Antike bezogen und ihre von der Vorsehung gedeckten Vorhaben dem Volk plebiszitär andienten. Doch die Reihe, die von Cola die Rienzo zu Savonarola führte, riss mit dem Ende der Renaissance nicht ab – der Tribun als Führergestalt stand in der Gestalt Napoleon Bonapartes wieder auf: Als Weltgeist zu Pferde, mithin Begründer nicht nur eines angeblich bürgerlichen Frankreichs, sondern auch einer irgendwie bürgerlichen Welt. Den verhängnisvollen Verlauf, der von der Jacobinerdiktatur bis zu Napoleons unrühmlichem Ende geführt hat, mitsamt seinem Personal und der von ihm zelebrierten Politik, nicht grundsätzlich kritisiert zu haben und stattdessen mit Bewunderung immer wieder darauf zurückzukommen, ist für große Teile des zeitgenössischen wie nachgeborenen Bürgertums nicht nur in Frankreich – insbesondere radikale Liberale und spätere Sozialisten und Kommunisten – symptomatisch. In der Epoche Napoleons I unbedingt eine große, nach Freiheit ausgreifende erkennen zu wollen, verweist auf ein grundsätzliches Zerfallensein mit einer Welt, die dergleichen nicht braucht und ausdrücklich nicht will. Von Zivilisation, also vom Westen in Hochachtung zu reden – auch als der Voraussetzung für etwas Besseres als das, was Republik und warentauschende Gesellschaft bereit halten –, setzt voraus, zunächst mit Lord Byron die republikanische Alternative zum Bonapartismus zu begrüßen, die eine bürgerliche Gesellschaft nach halbwegs menschlichen Zuschnitt erst begründen konnte und gegen die Republik des Ausnahmezustandes, die Welt des panischen Bürgers, der seine eigenen Allmachtsphantasien auf den für ihn tätig werdenden Führer überträgt, in Anschlag zu bringen. Die Vereinigten Staaten von Amerika und nicht die französische Republik oder das napoleonische Empire sind historisch höchster Ausdruck des Staat und Gesellschaft gewordenen Westens und gleichwohl längst im Niedergang begriffen. Und doch kann, wenn über die Anstrengungen, Risiken und Freuden, ein Mensch nach westlichen Zuschnitt werden zu können, worum es im Vortrag zentral gehen wird, nur verhandelt werden, wenn die auch historischen Voraussetzungen dafür benannt werden.

[bitte die Seite des Veranstalters beachten!!!]

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