Was deutsch ist

[…] Als militante Ideologiekritik wird ein antideutscher Materialismus das glatte Gegenteil eines moralisierenden „Lernens aus der Geschichte“ sein, das sich stilvoll zelebrieren und seminaristisch bewirtschaften läßt. Sein Gegenstand – das, was „deutsch“ ist – ist keine fixe „Eigenschaft“, die sich positiv mit mentalitäts- oder kulturgeschichtlichen Spekulationen beschreiben ließe, sondern eine polit-ökonomische Konstellation: eine kapitalistische Vergesellschaftung, die aus der Not historischer Verspätung eine Tugend macht und worin der das säumige Bürgertum substituierende Staat sich zugleich an die Spitze einer antibürgerlichen, antisemitischen Volksbewegung setzt und schließlich mit der Gesellschaft zu einem in massenmörderischer Aktion gegen die Juden sich definierenden gesellschaftlichen Massenracket verschmilzt. Diese Konstellation kann deshalb „deutsch“ genannt werden, weil sie hierzulande zuerst sich etabliert hat und ihre bestialischen Potentiale voll entfalten konnte – aber sie ist an sich selbst kein historisch oder territorial eingrenzbares Phänomen, sondern entspringt der konstitutiven Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung und hat den Wirkungskreis ihrer vormaligen Exekutoren längst überschritten. Horkheimers Qualifizierung des Verhältnisses von Allgemeinem und Besonderem – „Wenn tatsächlich der Faschismus aus dem kapitalistischen Prinzip hervorgeht, ist er nicht bloß den ‚armen‘, den ‚have not‘-Ländern im Gegensatz zu den saturierten angepaßt. Daß der Nationalsozialismus ursprünglich von den bankrotten Industrien getragen war, betrifft seine spezifische Auslösung, nicht seine Eignung zum universalen Prinzip“ (1981, 37 f.) – gilt eben auch umgekehrt: als ein der Wertvergesellschaftung notwendig eingeschriebenes und deswegen aktualisierbares Potential kann die pathologische Krisenbewältigung, die erstmals in einem hochindustrialisierten Land Mitteleuropas unter den Bedingungen des Weltmarktzusammenbruchs in Gang gesetzt wurde, sich unter den Bedingungen einer an sich selbst gescheiterten nachholenden Entwicklung an der Peripherie des Weltmarkts wiederholen. Käme diese Krisenbewältigung unter der fürsorglichen Anteilnahme (nicht nur) derer, die sie als erste ins Werk setzten, mit der von ihr intendierten Vernichtung Israels erneut zum Zuge, so würden damit zugleich die Mindestbedingungen revolutionären Denkens und Handelns zerstört – ist Israel doch die Staat gewordene Konsequenz aus dem Scheitern des bürgerlichen wie des kommunistischen Emanzipationsversprechens, welches es als versäumtes und unabgegoltenes gleichwohl aufbewahrt. Revolutionäre Kritik bedeutet notwendig die Gegnerschaft zum organisierten Deutschtum – egal, ob es in Sebnitz oder Ramallah, in Lübeck oder New York sein terroristisches Unwesen treibt. Eine jede Staatskritik wird daran zu messen sein, ob sie mit dem Staat Israel, jener prekären Nothilfemaßnahme gegen die antisemitische Raserei, sich bedingungslos solidarisch erklärt, was die Solidarität mit dessen bewaffneter Selbstverteidigung selbstverständlich einschließt. Vom Antisemitismus sollte schweigen, wer von seiner geopolitischen Reproduktion als Antizionismus nicht reden mag. Und jede Kritik am Kapital ist daran zu messen, ob sie, als ihr theoretisches Zentrum, dessen negative Selbstaufhebung in manifester Barbarei als eine wiederholbare Konstellation auf den Begriff zu bringen vermag und zum Angelpunkt der Agitation macht.
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(Clemens Nachtmann, Krisenbewältigung ohne Ende aus Stephan Grigat (Hg.), Transformation des Postnazismus, Freiburg, 2003, S.44 ff. )

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